Sabine Hübner, (c) Martin Steiger

Homeoffice ist die falsche Antwort auf richtige Fragen.

Fragen über Fragen: Wie arbeiten wir innovativer, effektiver, weniger gestresst? Wie reduzieren wir teuren Meeting-Tourismus, turmhohe Büromieten und das zeitraubende Chaos des städteverpestenden Berufsverkehrs? Kurz: Was können wir für gesündere Mitarbeiter, für profitablere Unternehmen und für eine bessere Umwelt tun? Nach Corona meinen wir, auf all diese Frage eine einzige Antwort gefunden zu haben: Homeoffice.

Diese Antwort ist wie eine große Fliegenklatsche. Sie trifft, haut aber auch daneben und zusätzlich Anderes platt, von dem wir uns nicht so schnell verabschieden sollten. Nehmen wir das System einmal auseinander. Da sind:

  1. Menschen, die zusammenarbeiten
  2. Der reale Ort ihres Unternehmens als gebaute Identität.
  3. Das private Zuhause jedes Einzelnen
  4. „Dritte Orte“: Parks, Cafés, Sportstätten etc.

Wir haben uns bisher nicht genügend Gedanken darüber gemacht, wie in diesem System alles zusammenspielt – und was wir verlieren, wenn wir die realen Orte der Unternehmen von heute auf Morgen für obsolet erklären.

 

Zusammenarbeit: Nicht alles geht gleich gut remote
Stellen wir uns eine Praktikantin um die 20 vor, Marketingabteilung, Flausen im Kopf. Und stellen wir uns einen leitenden Entwicklungsingenieur um die 50 vor, beeindruckende Persönlichkeit, Charisma. Beide werden ins Homeoffice geschickt. Die Praktikantin kommt super klar, der Ingenieur nicht. Warum? Wir haben es mit unterschiedlichen Arbeitstypen zu tun – von introvertiert-strukturiert bis betriebsnudelhaft-chaotisch. Wir haben es mit unterschiedlichen Positionen zu tun, die sich unterschiedlich gut auf Remote umstellen lassen – von stiller Tüftelarbeit bis People-Business. Und wir haben es auf der Zeitachse mit unterschiedlichen, sich überlagernden Prozessen zu tun: Lebensphase und Persönlichkeitsentwicklung, Digitalisierungsgrad und Projektfortschritt. Schon diese erste Sammlung an Faktoren zeigt glasklar: Es kann nicht die eine Lösung geben, die für alle passt.

Corporate Architecture: Unterschätzen wir nie die Macht des Analogen
Ein Unternehmen ist sehr viel mehr als ein Kasten mit einem Drehstuhl für jeden Angestellten und Kaffeemaschinen auf jedem Stockwerk. Ein Unternehmen ist ein Ort für Kommunikation und Interaktion, für Kollaboration und Inspiration mit dem Ziel der Zusammenarbeit. Bestenfalls eine Mischung aus Uni-Campus und Marktplatz. Und es ist noch mehr als das: Weil hier Menschen sprechen und sich widersprechen, debattieren und experimentieren, entsteht ein Ort der Kultur. Friedrich Schiller hat das Theater einmal als „moralische Anstalt“ bezeichnet. Vielleicht sind Unternehmen heute auch so etwas: Hier wird Haltung gelebt, um Haltung gestritten, Haltung weitergegeben. Und damit sind wir beim Unternehmen als Ort der Zugehörigkeit. Corporate Architecture ist „gebaute Identität“. Es sind Orte, die immateriellen Werten eine materielle Form geben. Das trifft auf die Headquarters – Google, BMW, Deutsche Bank – genauso zu wie auf die Verkaufsflächen: Apple, Ikea, Mini. Wer hier arbeitet oder einkauft, sucht viel mehr als ein Produkt. Er sucht das Erlebnis, vielleicht den Austausch mit anderen Fans – ähnlich wie in der Sportarena.

Wie Campus und Markplatz, Theater und Arena bieten Unternehmen den hier arbeitenden Menschen die Möglichkeit, bewusst anzukommen und wieder zu gehen, sich im Meeting bewusst zu öffnen und sich im eigenen Büro zu stiller Arbeit zurückzuziehen. Sie bieten die Möglichkeit, Erfahrungen, Ideen und Dinge zu sammeln, zu ordnen und wieder zu verwerfen. Dies alles hat einen enormen Effekt auf das seelische Wohlbefinden und auf die innere Stabilität jedes Einzelnen. Weil Unternehmen günstigenfalls mit ergonomischen Möbeln und Monitoren, mit Klimaanlagen und Akustiklösungen, Grünpflanzen und guten Kantinen ausgestattet sind, kommt der positive Effekt auf das körperliche Wohlbefinden noch dazu. Auf dies alles würden wir verzichten, schickten wir nun alle Führungskräfte und Angestellte nach Hause an den Küchentisch, ins sogenannte Homeoffice. Und damit sind wir beim nächsten Thema.

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Privater Rückzugsort: Der Mensch braucht seine Höhle
Ein oft unterschätzter Effekt der Büroarbeit ist das Kommen und Gehen. Es sind Transferzeiten mit ganz persönlichen Ritualen, die den Übergang von privat zu öffentlich (und zurück) markieren und beim Rollenwechsel helfen. Das Zuhause ist Ort des Rückzugs, der Erholung und auch der Care-Arbeit für Kinder, Kranke, Ältere, die wir im Leben „vor Corona“ sorgfältig aus dem Blick der Anderen herausgehalten haben. Das Zuhause ist Höhle und Nest, ist Bärenfell und Lagerfeuer. Eigentlich.

Seit Corona sitzt der Chef mit am Küchentisch, die Kollegin auf der Bettkante und die ganze Schulklasse auf dem Sofa. Es gibt keine Grenze mehr zwischen privat und öffentlich. Es gibt keinen Transfer mehr zwischen den Orten und den Rollen. Und es gibt, zumindest wenn alle im Lockdown sitzen, auch keine Pause mehr, weil man sich nicht mehr zum Außentermin oder ins ICE-Funkloch verkrümeln kann. Kurz: Entgrenzung, Verdichtung, Beschleunigung. Im ungünstigen Fall bei weniger Kommunikation, Innovation, Inspiration. Das ist purer Stress. Dem man im Lockdown-Fall nichtmals durch einen Abstecher ins nächste Café entgegenwirken kann.

Der „Dritte Ort“: Neutraler Boden für alle
Kaffeehäuser, Pubs und Parks, Bibliotheken und Kinos, Sportstätten, Museen, Theater, Vereine aller Art: Das Leben an sogenannten „Dritten Orten“ (auch: „The Great Good Place“, Ray Oldenburg 1989), ist ein wichtiger Teil der europäischen Kultur. Es sind Orte der Kommunikation, der Kultur, der Zugehörigkeit. Es sind vorpolitische Räume, an denen Haltungen gemeinsam ausprobiert und verhandelt, an denen Freundschaft gelebt und auch Geschäfte gemacht werden. Es ist kein Wunder, dass Freelancer eben nicht durchgehend im Homeoffice, sondern hier arbeiten: im Café, in der Bücherei oder im Co-Working-Space, der wie oft wie ein Mittelding zwischen beiden ausschaut.

Menschmomente: Ohne reale Orte geht es nicht
Menschen brauchen reale Räume der Begegnung. Sogar die Introvertierten – sie nutzen diese Räume eben auf ihre Weise. Menschen brauchen Menschen, und das hat etwas mit ihrer Evolution zu tun. Die Evolution, schreibt Randall Collins, hat „beim Menschen zu einer besonders hohen Empfänglichkeit für mikrointeraktiven Signale von anderen Menschen geführt. Menschen sind zu intersubjektiver Aufmerksamkeit prädestiniert und dazu, die Emotionen zwischen zwei Körpern in einen gemeinsamen Rhythmus zu bringen.“ Das ist die Resonanz, die wir in Menschmomenten spüren.

Ich frage Sie: Geht das bei Zoom? Am Küchentisch? Während im Hintergrund die Kinder über dem Mathematikbuch verzweifeln, der Hund jault und die Nachbarn streiten?

Ich sage: Nein. Geht nicht. Zumindest nicht für jeden, immer, überall.

Menschen brauchen Orte. Viele Orte der Kommunikation, der Kultur, der Zugehörigkeit und zusätzlich Orte des Rückzugs, an denen die öffentlichen Orte nichts zu suchen haben. Wenn wir den zusammenarbeitenden Menschen diese Vielfalt nehmen, dann nehmen wir ihnen die wichtigsten Quellen der Spannung und der Entspannung. Wenn wir sie vom heimischen Küchentisch aus nahtlos in tausend Meetings und wieder zurück beamen, ohne Kommen, Gehen und persönlichen Austausch, wenn wir keine Pausen mehr haben, kein Abtauchen, keinen Rückzug, dann brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir eines Tages mit den Raum- und Reisekosten auch jegliche Kreativität zusammengestrichen haben und die Kundenbegeisterung gleich mit.

Homeoffice: Gerne, wenn es wirklich passt
Deshalb: Homeoffice? Sehr gerne da, wo Menschen tatsächlich inspirierende Homeoffice-Plätze haben, wo es zum Arbeitstyp passt, zum Prozess-Timing, zur Aufgabe. Sonst eher nicht, vor allem nicht als staatlich garantiertes Hintertürchen zum Abbau von Arbeitsplatzqualität.

Ich sage: Wir dürfen die enorme Macht der realen Orte nicht unterschätzen. Unternehmen sind keine Un-Orte. Sie sind gebaute Identität, nicht zuletzt für die Kunden. Und jeder Mitarbeiter ist ein Mikro-Influencer, der die Serviceleidenschaft eines Unternehmens voranbringen kann, weil er ab Tag eins informell lernt, weil er immer wieder Rückhalt und Zusammenhalt findet, Raum für Haltungsreflexion und neue Ideen, weil er sich außerhalb seines Zuhauses 100 Prozent auf den Kunden konzentrieren kann und außerhalb des Unternehmens 100 Prozent auf das, was ihm zusätzlich Sinn, Glück und Gesundheit schenkt. Das sollte es doch sein, wo wir hinwollen.

Also auch hier: Digital oder persönlich – warum „oder“?

Wie sehen Sie das?

http://www.sabinehuebner.de

Sabine Hübner


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